Erntedankfest

"Herr: Es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross. Befiehl den letzten Fruchten voll zu sein; gib ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin und jage die letzte Süsse in den schweren Wein."

Was Rainer Maria Rilke Anfang des letzten Jahrhunderts so romantisch über die Weinernte dichtete, gilt analog auch für jeden Hanf -Grower als ldealszenario. Doch von einem solchen Sommer war man dieses Jahr meilenweit entfernt. Nun hofft die hiesige Outdoor-Grow­gemeinde auf einen versöhnlichen Abschluss in Form eines goldenen Oktobers und einer einigermassen stattlichen Ernte.Erntedankfest5

Sollten aber auch die letzten Wochen der Outdoor-Blüte wettermässig wort­wörtlich ins Wasser fallen, ist das Erntedankfest gefährdet, es setzt das grosse Zittern ein - vor einem der schlimmsten Feinde der weiblichen Hanfblüte: Grauschimmel (Botrytis). Botrytis zeigt sich durch einen grauen bis bräunlichen Pilzrasen, der sich sehr schnell ausbreiten kann. Die Pilzmycelien dringen in das Gewebe ein und zerstören es. Besonders heimtückisch ist ein Befall, wenn sich Botrytis-Sporen erfolgreich im Inneren eines sehr dichten Blüten-standes eingenistet haben und von dort aus zunächst unerkannt zu wachsen beginnen, was leider nicht selten der Fall ist. Der Pilz befällt dann in aller Ruhe auch den Stängel und sorgt so zumindest für ein Teil-Absterben des Blütentriebes. Unerfahrene Grower bemerken den Stängelschimmel meist erst, wenn er auch die nach aussen hin sichtbaren Bereiche der Blüten befa­llen hat, oder ein einzelnes aus dem Blütenstand mit Stiel herausragendes Blatt nach und nach verkümmert, die Farbe verliert, sich verkrümmt und am Ende schlaff wird, während ähnliche Blätter in dem Blütenstand noch gut im Saft stehen. Deswegen kontrollieren erfahrene Outdoor-Grower ihre Pflanzen in den letzten Blütewochen regelmässig ganz genau und werfen dabei auch einen Blick in das lnnere grosser dichter Blütenstände. Die dicksten und reifsten Buds sind am gefährdedsten. Wenn glücklicherweise nur einzelne kleine Partien der Blüten befallen sind, nicht aber der innere Blütentriebstängel, kann man zunächst durch grosszügiges Entfernen dieser Stellen versuchen, dem Grauschimmel den Garaus zu machen. Doch beim Herausschneiden werden etliche Pilzsporen aufgewirbelt und legen sich neuerlich auf die Buds oder gar benachbarte Pflanzen. Deswegen besprüht man die betreffenden Stellen vor dem Entfernen leicht mit Wasser (oder am besten mit Neemöl Losung) ein, um die Sporen zu binden. Sprüht man zuviel, fliessen die Sporen allerdings mit dem Wasser die Blüten herunter oder tropfen von oben auf gesunde Pflanzenteile. Falls aber der innere Stängel einer Blüte von Botrytis befallen ist, hilft nur die radikale Entfernung des befallenen Stängelabschnitts. Beim Abschneiden in der noch gesunden StängeIzone einen Sicherheitsab­stand lassen von ca. zwei cm zu der SteIle aufwärts am Stãngel, wo die Botrytis angesetzt hat. Niemals Stängel direkt am Haupttrieb abschneiden, sondern möglichst auch hier 2 cm stehen lassen, sonst können über die verwundete Stelle Nährstoffströme und Assimilate nach aussen verloren gehen.

Nach dem Grauschimmel ist Mehltau der am zweithäufigsten vorkommende Pilztyp beim Cannabisanbau. Hier unterscheidet man zwischen Echtem und Falschem Mehltau.Erntedankfest1

Echter Mehltau befällt zunächst die Blattoberseite, danach auch die Blattunterseite. Es entsteht ein weisser, mehlartiger Belag, fast immer zuerst auf den Blättern. Da der Echte Mehltau aber ein AuBenpilz ist (d. h. er dringt nicht in tiefere Gewebeschichten ein), hat man bei früh erkanntem Befall eine gute Chance, ihn wieder los zu werden, und zwar mit Neemöl, das auch während der Blütephase eingesetzt werden kann, allerdings nicht mehr in der letzten Blütewoche, zudem muss man aufpassen mit der Dosierung (nicht mehr als 2 ml pro I), sonst verbrennen die Blüten­narben. Mit einer entsprechenden Neemöl-Lösung wischt man alle betroffenen SteIlen sorgfältig ab, am besten bei trockener Witterung, damit der Wirkstoff nicht gleich wieder abgewaschen wird. Meist wird eine wiederholte Behandlung im Abstand mehrerer Tage notwendig sein. Diese Neemöl-Prozedur kann man ebenso präventiv anwenden, um z. B. auch Falschem Mehltau vorzu­beugen, der bei Hanf allerdings weitaus seltener vorkommt als der Echte.

Falscher Mehltau ist ein lnnenpilz (d. h. er dringt durch die Spaltöffnungen in das Schwammgewebe der Blätter ein und bildet dort Sporenträger), was ihn viel problematischer als Echten Mehltau macht, obwohl er „nur" an der Blattunterseite auftritt und dort einen grauen bis mausgrauen Schimmelrasen bildet. Auf der Blattoberseite bewirkt er zunächst eine gelbliche Fleckenbildung, später folgen Verfärbungen in orangerote oder purpurrote Tone — nicht zu verwechseln mit natürlich bedingten herbstlichen Farben oder Verbrennung­serscheinungen infolge von Überdüngung. Befallene Blätter sind komplett zu entfernen.

Okay, die Schimmelproblematik in den letzten Wochen vor der Ernte hat man im Blick und hoffentlich auch im Griff. Die Düngung sollte übrigens ca. 10-14 vor der Ernte beendet werden, ansonsten leidet der Geschmack. Es ist Unsinn, die Pflanzen in den letzten Wochen der Blüte zu stressen, etwa, indem man sämtliche grosse Laubblätter entfernt. Die Pflanzen benötigen die Blätter bis zuletzt als wichtige Nährstoffquelle. Das, was nicht mehr gebraucht wird, werfen sie schon ganz von selbst ab. Man kann jedoch ru­higen Gewissens einzelne grosse Blätter abnehmen, um davon überschattete Triebe freizulegen, so dass deren Blüten mehr Licht erhalten und so voluminöser werden können.

Wenn es nun dem Ende zugeht, steht man vor der Frage des richtigen Erntezeitpunkts. Erntedankfest2Einen Hinweis hierzu geben hier die Erntezeitpunkt­angaben der jeweiligen Samenbank. Nichtsdestotrotz ist eine genaue Beobachtung der Pflanzen vonnöten, manchmal weichen sie von diesem Schema ab oder die Wetterverhältnisse zwingen einen zur vorzeitigen Ernte, z. B. wenn bereits Botrytis aufgetreten ist und für die letzten 1-2 Wochen der Blüte überwiegend kaltes regnerisches Wetter vorhergesagt ist. Vor allem Haschisch-Spezialisten orientieren sich bei der Frage des Erntezeitpunkts massgeblich am Zustand der Harzdrüsen. Der Blick durchs Mikroskop (20-30x Vergrösserung) gibt ihnen genauen Aufschluss über den Entwicklungsprozess der Trichome (Harzdrüsen), das Verhältnis von trüben oder bernsteinfarbenen zu klaren, frischen Trichomen lässt sich so sehr präzise feststellen. Im Normalfall dienen aber folgende generelle Kriterien zur Bestimmung des individuellen Erntezeitpunkts, bzw. der Reife: 75-90% der Blütennarben sind verwelkt, der Neuaustrieb von frischen weissen Narben ist praktisch zum Erliegen gekommen. Die Blütenkelche sind in den letzten Wochen merklich angeschwollen, auch der Harzgehalt hat offenbar sein Maximum erreicht, mehrheitlich gestielte Harzdrüsen (die das meiste THC enthalten) sind zu sehen, und ältere Trichome haben damit begonnen, eine bernsteinähnliche Farbe anzu­nehmen. Analog dazu hat auch das Aroma seine grösste lntensität erreicht. Unter Umständen zeigen die Blätter bunte herbstliche Farben: Spezielle Sorten entwickeln purpur-, blau- oder lilafarbenes Laubwerk, das in der Blütenreifungsphase seine stärkste Ausprägung erfährt. Lässt man die Pflanzen über dieses Endblütestadium hinaus noch länger stehen, setzen Zerfallprozesse ein, Potenz und Aroma verringern sich.

Bevor es den harzigen Damen nun also an den Kragen geht, müssen einige Dinge vorbereitet werden. Man braucht unbedingt eine scharfe, mittelgrosse Schere, besser zwei. HeIles Licht bei der Arbeit ist wesentlich, sonst ermüden die Augen schnell und man "verschnibbelt " sich leicht. Erntedankfest4Als weit­flächige Unterlage kann Zeitungspapier oder Folie dienen. Ferner braucht man eine Wanne oder ein anderes grosses Behältnis zu seinen Füssen, in dem gezielt die harzigen Blattteile, die beim Stutzen der Blüten anfallen, aufgefangen werden, um nachher über konzentriertes, qualitativ hoch­wertiges Material für die Weiterverarbeitung zu z. B. Haschisch zu verfügen. Ausserdem muss ein geeigneter Trockenraum zur Verfügung stehen, in dem 17-22 °C und 40 bis maximal 50% Lufffeuchtigkeit gegeben sind und ein regelmässiger Luftaustausch problemlos möglich ist. Der Trocknungsraum sollte sauber, trocken und dunkel sein. Dunkelheit ist sehr wichtig, sonst wird das grüne Chlorophyll nicht abgebaut, was zu einer unangenehm herben Geschmacksnote führt. Der Chlorophyllabbau setzt jedoch erst nach ca. einer Woche einn. Alle Methoden der Express­trocknung, ob im Backofen, in der Mikrowelle oder auf der Heizung, bewirken also null Chlorophyllabbau und führen zu geschmacklichen Katastrophen. Bei der Trocknung wird ausserdem noch ein weiterer, sehr wichtiger Prozess vollzogen: Die nicht-psychoaktiven Cannabinoidsäuren der frisch geernteten Blüten decarboxylieren zu psychoaktiven Cannabi­noiden, d. h. die psychoaktive Potenz wird erst im Verlaufe der Trocknung nach und nach voll verfügbar.

Kluge Leute machen sich auch Gedanken um die Sicherheit bzw. Ger­uchsregulierung des Raums, in dem sie die Schneidearbeiten durchführen, denn die dabei freigesetzten Gerüche sind extrem, und schon so manche Leute sind dadurch aufgeflogen, dass verräterische Aromawolken in die Nachbarschaft zogen und zur Meldung bei der Polizei führten. Wenn ale Vorbereitungen getroffen worden sind und ein geeigneter Erntezeitpunkt bestimmt wurde, geht es den harzigen Damen an den Kragen. Wichtig dabei ist schonendes Handling, die Blütenstände sollten so wenig Kontakt wie möglich mit den Händen oder sonstigen Flãchen haben, damit die Harzdrüsen unversehrt bleiben. Am Anfang steht man vor der Frage, wie weit die Pflanzen zerlegt werden sollen. Manche Leute verarbeiten ganze Blütenzweige nur grob (relativ viel Blattanteil wird zunächst stehen gelassen, und erst nach einiger Zeit der Trocknung oder sogar erst danach entfernt) und hängen sie auf, die meisten aber zerlegen sie wei­ter und schneiden ale grösseren Blüten separat und trimmen sie gleich gründlich, wodurch sich die Trocknungszeit natürlich deutlich verkürzt.

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