Die wunderbare Welt der Wichtel

July 30th at 3:55am Tasha Maxwell

Mein Freund Horst ist schon eine Nummer für sich. Eigentlich ein unauffälliger Typ, den die Schwiegermutter gerne mal zum Kaffee einlädt. Horst ist aber auch ein bisschen verrückt. lm letzten Jahr war ich mal wieder zu Besuch bei Horst und er meinte direkt nach der herzlichen Begrüßung, dass er mir unbedingt was zeigen muss. Ich war auf das Schlimmste gefasst. Wir gingen in den Keller, wo er in einem kleinen Raum eine Art Labor eingerichtet hatte. Aber das eigentlich Wichtigste war eine kleine Kunststoffbox, die am Kellerfenster stand. In der Kiste wuchsen Pilze. Allerdings keine Speisepilze, dass erkannte ich sofort. Das Anbauen von psychoaktiven Pilzen ist in Deutschland seit dem 19.06.2001 verboten. Ebenso ist alles, was mit dem Pilz zu tun hat verboten, wie zum Beispiel die Sporen, Myzel, frische oder getrocknete Pilze.

Pilze sind biologisch gesehen eine Klasse für sich. Pilze enthalten im Zellkern Mitochon­drien, genau wie wir Menschen. Pilze bauen ihr Zeltskelett aus Chitin, daraus bauen auch Insekten ihre Panzer. Pilze brauchen Wasser und Licht, wie eine Pflanze, betreiben aber keine Photosynthese. Das, was von uns in der freien Natur wahrgenommen wird, ist ja nur der Fruchtkörper, den der Pilz ausbildet und für seine Vermehrung braucht. In den Fruchtkörpern werden nämlich die Sporen gebildet der eigentliche »Samen«. Anders wie bei einer Pflanze braucht es aber immer zwei Sporen, damit ein neues Myzel entstehen kann. Erst wenn die kleinen Myzelfäden (Hy­phen) von zwei Sporen sich treffen und vereinigen, bildet sich dann daraus das Myzel, der eigentliche Pilz. Der größte Orga­nismus auf unserem geschundenen Planeten ist ein Pilz, ein Hallimasch. Im Jahre 2000 wurde in Oregon (USA) das Myzel eines Hallimasch entdeckt, welches auf einer Fläche von ca. 9 km' wächst und ein Gewicht von mindestens 60o Tonnen hat.

Ich war total fasziniert von den kleinen Wichteln (so nennt Horst sie immer) und ließ mir von ihm in Ruhe erklären, warum er jetzt auf einmal diese Pilze anbaut. Er meint, dass es recht einfach ist, solche Pilze im Haus zu kultivieren und dass es spannender ist, den Wichteln beim Wachsen zuzusehen, als einen Krimi im Fernsehen anzuschauen. „Es geht halt alles so schnell, wenn nichts passiert und einem nicht das Substrat weggammelt". Er benutzt Bio-Roggen, den er immer erst über Nacht einweicht. Das Korn saugt sich so schon ein wenig mit Wasser voll. Von der Menge her rechnet er immer so 130 g-150 g trockenen Roggen pro Glas. Der eingeweichte Roggen wird am nächsten Tag von Horst solange gekocht, bis die ersten Körner anfangen aufzuplatzen. Er meint, dass man ein klein wenig Erfahrung braucht, um den richtigen Zeitpunkt beim Ko­chen abzupassen. Wenn jetzt nun ein paar von den Körnern anfangen zu platzen, ist es Zeit, den Roggen abzugießen. An­schließend wird das Ganze für ca. 3o Minuten zum Abtropfen und Auskühlen an die Seite gestellt. Nach dem Abkühlen hat das Korn dann die richtige Feuchte, die das Myzel zum Wach­sen braucht.

Horst holte aus einer Styroporbox ein kleines Glas mit einer Flüssigkeit. Als ich fragte, was das sei, meinte Horst: „Das ist Myzel, das hab ich schon vor ein paar Wochen vorgezogen. Ich habe eine 5%ige Dextroselösung hergestellt, sterilisiert und dann in diese Lösung die Sporen von dem Pilz gekratzt. Das Ganze stand jetzt für ein paar Wochen dunkel und bei einer Temperatur von ca. 28°C in der Box. Jetzt ist aus den Sporen schon gesundes Myzel gewachsen, das hat's dannPilze einfacher auf dem Roggen." Er meint, das mit dem Myzel vorziehen ist etwas sicherer, als die Gläser aus einer Multisporenspritze zu beimpfen. Wenn er eine Sporenspritze herstellt, geht das ganz schnell. Hierbei ist aber auch wieder auf peinlichste Sauberkeit zu achten.

Horst beschrieb das so: „Kleines Schnapsglas mit etwas destilliertem Wasser in die Mikrowelle gestellt und 5 Minuten er­hitzen. Das Ganze auf Zimmertemperatur in der Mikrowelle ab­kühlen lassen. In das Wasser werden die Sporen gekratzt und mit einer sterilen Kanüle umgerührt. Jetzt können die Sporen-spritzen aufgezogen werden. Das kann man auch schon einen Tag vorher machen, damit die Sporen etwas rehydrieren (sich mit Wasser vollsaugen) können.

Die Sporen, die Horst benutzt, sind vom Psilocybe cubensis (PC), dem kubanischen Kahlkopf. Dieser Pilz wurde im Jah­re 1906 von Franklin Sumner Earle auf Kuba entdeckt und als Stropharia cubensis beschrieben. Allerdings wurde dann im Jahre 1948 von Rolf Singer der Name in Psilocybe cubensis geändert. Wie bei Pflanzen gibt es auch bei den Pilzen unter­schiedliche Bezeichnungen, die sich durch den Fundort, beson­dere Wuchsform u. ä. ergeben haben. PC Burma, PC Argentinia oder PC Mexican sind wohl nach ihren Fundorten benannt wor­den und der AA+ ist ein PC Albino. Die Liste lässt sich noch um viele Namen erweitern. Der PC ist ein Pilz, der in freier Natur Dung von Pflanzenfressern besiedelt. Horst meint: „So `n biss­chen Scheiße (Pferde- oder Rinderdung) schmeckt den Wich­teln ganz gut, muss aber nicht sein". Im Ursprung stammt der Pilz aus dem tropischen Afrika und hat sich von dort über die ganze Welt verbreitet.

Horst fängt an, das Glas mit dem Myzel wie wild zu schütteln. Dabei reißt das Myzel auseinander und es entsteht eine Art Myzelsuspension. Dieses zieht er nun mit einer sterilen Sprit­ze und langer Kanüle auf. Hierbei hat Horst mir jegliche Bewe­gung und das Sprechen untersagt. „Es ist wichtig, jetzt so sau­ber wie möglich zu arbeiten! Wenn du hier schon schlampst, dann wird das nichts!" Es werden aus dem Glas einige ioml­Spritzen aufgezogen. „Die, die ich nicht brauche, kommen in den Kühlschrank. Da kann ich sie ein paar Wochen zwischenla­gern, bis zum endgültigen Verbrauch".

Anschließend werden von Horst Gläser vorbereitet. Er nimmt immer Marmeladen- oder Gurkengläser mit einem Inhalt von ca. 440 ml. In die Deckel der Gläser wird mit einem Nagel je

ein Loch, genau in die Mitte, gemacht. Durch dieses Loch wird etwas Aquarienfilterwatte gesteckt. Dieses ermöglicht später dem My­zel, das im Glas wachsen wird, einen unge­hinderten Gasaustausch, ohne sich gleich ir­gendwelche Kontis (Fremdinfektionen: meist Hefe und/oder Schimmelpilze, bakterieller Befall) einzufangen. „Jetzt geht's wieder an den Roggen". Die Glä­ser werden von Horst mit dem gekochten Rog­gen befällt, so dass noch ein wenig Platz nach oben im Glas bleibt. Anschließend werden die Gläser mit den Deckeln verschlossen und zusätzlich noch mit einer Lage Alufolie abge­deckt. Er holt seinen Schnellkochtopf und ich dachte direkt: „Geil, 's gibt Chili!", aber Pu­stekuchen. Die vorbereiteten Gläser werden von ihm in den Schnellkochtopf gepackt und auf den Herd gestellt. „So, pass auf. Ich wer­de jetzt die Gläser sterilisieren. Schnellkoch­topf auf höchste Druckstufe einstellen und warten bis er „abbläst". Dann die Tempera­tur am Herd etwas runterstellen und auf die Uhr schauen. Die Gläser müssen jetzt minde­stens 90 Minuten gekocht werden." Ich frage ihn, warum es unbedingt ein Schnellkochtopf sein muss. Horst erklärte es mir so: „Wasser kocht auf Meereshöhe bei einer Temperatur von ca. 100° C. Das bedeutet aber auch, dass in einem normalen Kochtopf die Temperatur nicht über 100° C liegen kann. Wenn man jetzt aber den Druck erhöht, steigt auch die Siede­temperatur vom Wasser. Gute Schnellkoch­töpfe bringen es so auf eine Temperatur von 116°C-120°C. Richtiges sterilisieren ist das aber- auch nicht dafür braucht man eine Temperaturen von mindestens 130°C. Das schafft kein normaler Schnellkochtopf, dafür braucht man dann schon einen Autoklaven. Die hohen Temperaturen machen allen unerwünschten Keimen und Sporen, die sich noch am Roggen befinden, den Garaus." Ich hab die Nacht bei Horst gepennt, weil es am Abend doch etwas heftiger geworden war. Fand ich aber gar nicht schlimm, konn­te ich mir doch so anschauen, wie Horst mit der Zucht seiner Wichtel weitergemacht hat. Die am Vortag vorbereiteten Gläser sollten nun von Horst beimpft werden, d. h. dass der Roggen in den Gläsern endlich mit dem vor­gezogenen Myzel in Kontakt kommt. Wir gin­gen dazu wieder in den Keller, wo über Nacht schon der Schellkochtopf mit den Roggenglä­sern zum Abkühlen gestanden hat. „Wichtig ist jetzt wieder, auf absolute Sauber­keit zu achten". Er fing an, die Arbeitsfläche mit Desinfektionsmittel abzuwischen. Danach hat Horst die vorbereiteten Spritzen mit dem Myzel bereitgelegt. Nach einer ausgiebigen Handwäsche wurde der Schnellkochtopf ge­öffnet und die Gläser einzeln entnommen, um sie zu beimpfen. „Pass auf, wie ich das mache. Ich nehme die Spritze, schüttle sie noch mal kräftig auf. Die Kanüle wird mit einem kleinen Spiritusbrenner (es reicht auch ein Feuerzeug) zum Glühen gebracht. Danach nimmst du die Alufolie von den Gläsern und stichst mit der abgekühlten Kanüle durch die Filterwatte im Deckel. Jetzt spritzt du etwas von der Lösung an der Innenseite des Glases runter. Es reicht für ein Glas die Menge von z ml. Flüssigmy­zellösung. Du solltest diesen einen Milliliter aber auch verteilen, indem du an verschiedenen Stellen im Glas den Roggen beimpfst. Wenn du ein Glas beimpft hast, musst du auf jeden Fall die Kanüle wieder „abglühen", damit du nicht eventuelle Keime aus einem in eins der anderen Gläser verteilst." Die Gläser waren schnell beimpft. Horst hat sie dann in seinem Keller in eine Styroporbox gestellt. In dieser Box sorgt ein Heizkabel für eine konstante Temperatur von 28,5° C. „Die Wichtel haben es gerne warm. Dann wachsen sie besonders gut. Sie sollten auch absolut dunkel stehen, da sie sonst das Roggensubstrat nicht so gut durchwachsen". Die Arbeit war getan und ich machte mich langsam auf den Heimweg. Horst sagte, ich soll doch mal so in zwei Wochen vorbeischauen, dann würde er mir zeigen, wie es weitergeht mit der Wichtelzucht. Die zwei Wochen sind schnell vergangen und ich war wieder bei Horst. Er zeigte mir am An­fang erst ein paar Fotos, auf denen man sehr gut sehen konnte, wie das Myzel langsam den Roggen bewächst. Die Gläser sind nun, zwei Wochen nach dem Beimpfen, vollständig durchwachsen. „Jetzt wird's noch mal span­nend. Ich mache aus den Gläsern jetzt Scha­len, die ich mit Erde abdecke. Daraus wachsen dann die Fruchtkörper." Es begann eine herrliche Mantscherei. Horst hat einen Ziegel aus Kokosfaser (Cocohum) mit kochendem Wasser übergossen und erst mal quellen lassen. „Cocohum hat den Vor­teil, dass es wenig bis gar keine Nährstoffe enthält. Das Myzel bezieht seine Energie aus dem bewachsenen Roggen. Da in dieser Box nur das Myzel und nicht noch irgendein uner­wünschter „Untermieter" wachsen soll, halte ich das Nahrungsangebot in der Deckschicht immer sehr gering. Dann schimmelt auch (fast) nichts. Ausfälle gibt's immer mal wie­der." Unter die heißen, gequollenen Kokos-fasern wird etwas Vermiculit (Vermi) aus der Tierhandlung gemischt. Das Vermi lockert auf und speichert gut Wasser. Die Mischung wird zur Sicherheit von Horst noch mal 15 Minuten in der Mikrowelle erhitzt. In der Zeit bereitet Horst schon mal den Arbeitsplatz vor. „Denk daran, immer sauber arbeiten!" Nachdem alles abgekühlt war, hat Horst immer eine Aluscha­lePilze1 genommen und erst mal auf den Boden eine Schicht reines Vermi, das er mit einer Sprüh­flasche befeuchtet. „Diese Schicht mache ich immer drunter. Leicht angefeuchtet dient sie dem Myzel als Wasserreservoir, kann aber im­mer noch Wasser aufnehmen, falls zum Bei­spiel die Deckschicht zu feucht ist. Ich nehme dann eins der Gläser und öffne es vorsichtig. Als erstes wird an dem Glas gerochen. Es muss nach frischem Pilz riechen, so wie Wald riecht, nach einem warmen Sommerregen. Riecht es irgendwie vergoren, stechend oder beißend, kannst du den Inhalt sofort entsorgen! Auch muss das Myzel ganz rein weiß sein. Wenn es eine andere Farbe als weiß hat, sofort entsor­gen! Mit einer sauberen Gabel kratze ich nun den durchwachsenen Roggen in die Aluschale. Die Vermi-Schicht sollte gleichmäßig bedeckt sein. Auf das Roggensubstrat kommt dann die abgekühlte Deckschicht. Die sollte so unge­fähr 1,5 cm — 2,0 cm dick sein. Ich befeuchte dann das Ganze mit reichlich Wasser aus der Sprühflasche. Die Deckschicht muss richtig feucht sein, soll aber nicht schwimmen." Die Aluschalen verschließt Horst mit etwas Alufolie, die anschließend mit kleinen Löchern versehen wird. Die fertigen Schalen stellt er wie­der in die Styropoorbox mit der Heizung. „Das Myzel muss jetzt durch die Deckschicht wachsen. Das dauert immerzwischen zwei und fünf Tagen. Wenn ca. 40 % der Oberfläche mit Myzel bewachsen ist, geht's in die letzte Pha­se — das Fruchten der Wichtel. Hierzu braucht der Pilz Licht, Luft, Wärme und Feuchtigkeit. Am liebsten hat er eine Temperatur von 23° C, etwas kälter ist aber auch nicht schlimm. Eine Luftfeuchtigkeit von 8o % sollte aber auf je­den Fall sein. Das geht am besten mit einer kleinen, durchsichtigen Kunststoffbox, die ei­nen Deckel hat. Auf den Boden der Box kommt eine Lage gut gewässertes Tongranulat für die Luftfeuchtigkeit. Es reicht aber auch schon, nur ein wenig Wasser auf den Boden der Box zu geben. jetzt werden die bewachsenen Aluschalen in die Box gestellt. Die Box kommt an einen Platz, an dem es warm ist und wo sie Licht bekommt, aber keine direkte Sonne!" Horst erklärt mir, dass es jetzt noch mal min­destens eine Woche dauert, bis man die er­sten Fruchtkörper erkennen kann. Das Myzel wächst am Anfang noch etwas, fängt dann aber an, kleine, knotige Verdickungen zu be­kommen. Diese Primordien sind die Vorstufe der späteren Fruchtkörper. Ich fuhr natürlich nach einer Woche noch mal bei Horst vorbei, wollte ich doch wissen, ob es mit den Wichteln geklappt hat. Nach der Ankunft ging's gleich in den Keller. Ich konn­te es kaum glauben, ich sah sofort, dass in der Kunststoffbox unter dem Fenster kleine Pilze wuchsen. „Schau dir mal diese kleinen Freunde an, mit ihren schönen Hüten. Bei ei­nigen reißt schon das Velum (die Haut unter dem Hut), genau die richtige Zeit zum Ern­ten." Der Psilocybe cubensis wird wegen seines Gehaltes an Psilocybin (ca. 0,5 % — 0,8 % der Trockenmasse) und Psilocin als halluzinogen und Giftpilz eingestuft. Deswegen sind die­se Pilze ja bei uns verboten. Im Fruchtkörper werden Psilocybin und Psilocin so lange ge­bildet, bis das Velum reißt. Danach wächst der Fruchtkörper zwar noch weiter, legt dabei aber nur noch an Gewicht, jedoch nicht mehr an Wirkstoff zu. Horst dreht die Fruchtkörper leicht aus der Deckschicht und putzt die Enden mit einem kleinen Messer. Die Wichtel wurden von ihm auf eine Schnur aufgefädelt und zum Trock­nen aufgehängt. Da so ein Fruchtkörper aus ca. 90 % Wasser besteht, verlieren die Frucht­körper dabei ordentlich an Gewicht. Horst ver­packt die getrockneten Wichtel in kleine Tüt­chen und die noch mal in eine Plastikdose. Diese wird dann im Eisfach verstaut. Es waren ein paar tolle Wochen. Mir hat es Spaß gemacht, Horst bei der Arbeit mit seinen kleinen Freunden zu beobachten. Ich hab mir selber jetzt eine Shiitakezuchtbox aus dem In­ternet besorgt. Mal sehen ob ich wenigstens eine ordentliche Pilzpfanne rausbekomme. Horst meint: „Stell dir das nicht so einfach vor!" Na, mal schauen ... ;-)  

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